Montag, 30. März 2015

Forum der Manie(ren)



Vor einigen Wochen meldete ich mich als Teilnehmer auf der Internet-Plattform „Forum der Magie“ an. Neben durchaus freundlichen Reaktionen hatte ich allerdings schnell zwei „Wadlbeißer“ am Hosenbein: Egal, über welches Thema ich Beiträge schrieb – sofort wurde mir vorgehalten, ich sei überheblich und hätte keine Ahnung. Insbesondere ein Kollege aus Görlitz ließ keine Gelegenheit aus, mich zu attackieren – und da waren ihm Klischees wie „Oberlehrer“, „Zauberonkel“ oder „jämmerliche Trickser“ nicht zu billig – selbstredend stets von einer Warte der „exklusiven Erleuchtung“ aus. Meine Versuche, immer wieder zur Sache zu kommen, scheiterten regelmäßig. Als ich mich gestern wegen der ständigen persönlichen Angriffe aus dem Forum abmeldete, nannte mich der Kollege aus dem Osten noch schnell „großspurig“, und ein Forums-Administrator befand, unsere Auseinandersetzung sei ein „Schwanzvergleich“ – und wenn ich denn meinen einziehen wolle: bitte sehr. Hinzu fügte er: „Wenn man aber immer betonen muss, was man für ein toller Hecht ist, muss man sich leider auf Kommentare gefasst machen.“

Wohlgemerkt: Im Forum werden lang und breit strenge „Benimmregeln“ für die Teilnehmer aufgestellt – nur gelten die offenbar ausschließlich für Neulinge. Die Platzhirsche dürfen röhren, wie sie wollen… Beispielsweise habe ich mir die ganze Zeit benimmhalber verkniffen, meinen Görlitzer Kollegen zu fragen, warum er eigentlich als sein Forum-Profilbild („Avatar“) ein gar schröckliches Farbnegativ verwendet, das ich höchstens zum Eierabschrecken oder zur Einleitung von Geburten nach mindestens vierzehntägiger Überschreitung des Termins einsetzen würde…

Umgekehrt gehörte es selbstredend zum Stil der Auseinandersetzung, flugs meine Website zu durchforsten und dort „Skandalöses“ zu entdecken, beispielsweise ein Auftrittsvideo von mir, dessen Qualität natürlich umgehend mit ominösen Bemerkungen heruntergemacht wurde: Ich hätte da ja nicht im Mindesten das bewiesen, was ich reklamierte!

Bezeichnenderweise wurde es im Forum bei einem Thema stets totenstill: Bei meiner Frage, ob ich von meinem sehr verehrten Gegner auch einmal einen Auftritt bzw. ein Video zu sehen bekäme. Nun habe ich mich bei YouTube ein wenig umgetan und feststellen dürfen, dass Ralph Kunze (so der bürgerliche Name) tatsächlich schon an prominenten Orten wie der „Turmvilla Bad Muskau“ oder der „Gaststätte Löbauer Berg“ (natürlich in Löbau) aufgetreten ist. Hier die Links zu den Videos (vor zirka fünf Jahren eingestellt):


Nun möchte ich doch zumindest auf meinem Blog die versprochene Rezension nachholen:
Von seiner Bühnenpersönlichkeit her kann ich einen deutlichen Rückgriff auf Popgruppen der frühen 80-er Jahre (wie Dschinghis Khan) erkennen: Schnauzbart, Vokuhila, alte Jeans und Oberteile so zwischen Umstandskleid und Zirkusdirektor – gelegentlich mit Schlapphut und Sonnenbrille mit etwas Rocker-Anmutung gewürzt. Vor eher überschaubarem Publikum zeigt er weitgehend bekannte Effekte, welche in gängiger Manier im Sekundentakt geschnitten sind, so dass man sich überhaupt kein Bild vom Ablauf einer einzelnen Routine machen kann. Auffallend ist eine offenbar konstante „Bierruhe“ – Indizien für Modulation, Höhepunkte oder besondere schauspielerische Gestaltung sind nicht auszumachen. An „Alltagsgegenständen“ sind u.a. goldfarbene Seidentücher, Ein-Quadratmeter-Riesenkarten, ein Glassturz mit einer Glühbirne sowie eine glitzerfarbene Guillotine zu sehen.

Obgleich er die ganze Zeit zu sprechen scheint, kann man die Qualität des Textes leider nicht beurteilen, da die Tonspur durchgehend mit einem sinn- und wohl auch GEMA-freien Gedudel unterlegt ist (übrigens bei beiden Videos das gleiche). Auch die sonstige Qualität der Aufnahme ist – erkennbar an der schlechten Ausleuchtung und den ruckartigen Schwenks – ziemlich amateurhaft. Zu den Videos lagen übrigens zwei Anmerkungen bei YouTube vor. Eine davon lautete:
"Nimmt der für sowas auch noch Geld?"
Weiß ich leider nicht, daher kein Kommentar!

Wie gesagt: das sind dann die Kollegen, von denen ich mich heruntermachen lassen muss! Also, Tschüss, Leute, ich muss jetzt gehen, sonst gewöhne ich mich noch an euch…

P.S. In meinen weiteren Beiträgen wird es wieder um allgemeine Themen und nicht persönliche Differenzen gehen – versprochen! Aber das musste jetzt mal sein.

weitere Infos: http://www.ralphkunze.eu/

Donnerstag, 26. März 2015

Die lieben Kollegen

 
Ich habe bestimmt großen Respekt vor jedem, der sich in unserer wahrlich nicht einfachen Kunst versucht. Wer hier voreilig den Stab über „schlechte Leistungen“ bricht, sollte es erst einmal selber versuchen: Man schleppt oft eine dreistellige Zahl von Einzelteilen (inklusive Musikanlage, Mikrofon und sonstigem Equipment) an den Ort des Geschehens, erhält nicht selten lausige Auftrittsbedingungen, darf in der Programmgestaltung bei einem Publikum von 5 bis 95 nach der Quadratur des Kreises suchen, mit Text, Handling der Requisiten, Mimik, Gestik, Publikumskontakt etc. mehrere Spuren parallel bedienen – und wehe, man leistet sich einen Schnitzer! Während bei einem Amateurmusiker eine Reihe von falschen Tönen kaum jemandem auffällt, wird in der Zauberei öfters das ganze Geheimnis enttarnt: Ach, soo einfach ist das – Pfui plus Schimpf und Schande…

Weiterhin ist mir klar, dass Zauberkünstler oft genug Einzelkämpfer sind. Duos (wie Siegfried & Roy) oder gar größere Ensembles sind die Ausnahme – schon, da es für diese, bei entsprechend bescheidenen Gagen, wenig Auftrittsmöglichkeiten gibt: Einer reicht ja – wieso sollten Veranstalter da noch einen Aufpreis für mehrere Künstler hinlegen? Wenn man solistisch arbeitet, gerät man fast automatisch in Gefahr, die eigene Darbietung für unvergleichlich, sich selber für den Größten zu halten – die sozialen Talente verkümmern. Gehört man nicht zur Spezies der vorwiegenden „Tricksammler“, welche eher den monatlichen Clubabend als den Auftritt vor Publikum suchen, muss man sich vor allem um die eigenen Engagements mit allem Drum und Dran kümmern. Das macht einsam.

Mich stört es auch nicht, dass viele Magier erkennbar „verrückt“ sind – wären sie es nicht, würden sie sich eine „vernünftigere“ Beschäftigung suchen. Etwas übertrieben könnte man sagen: Wer keinen an der Klatsche hat, zaubert auch nicht. Warum ich selber in fast dreißig Jahren nur wenige Kontakte zur „Szene“ hatte, nicht in irgendwelche Zaubervereine eintrat, hat damit nichts zu tun. Und mit einigen Kollegen ergab sich auch eine umso fruchtbarere private Zusammenarbeit. Solche Menschen allerdings muss man lange suchen – während sich einem im Zaubermilieu fast automatisch bestimmte Persönlichkeitsstrukturen aufdrängen, welche mich nachhaltig von engeren Beziehungen abgehalten haben. Die eigenen Ideen diskutieren kann man mit bestimmten Magiertypen jedenfalls nicht!

Nachdem ich also viele Jahre die „Szene“ völlig unbeachtet ließ, meldete ich mich kürzlich – man möchte ja auch ein wenig Werbung für sein Buch machen – in einigen Zauberforen im Internet an und machte dort … nein, keine offensichtliche PR, sondern äußerte brav zu verschiedenen, mir wichtig erscheinenden Themen („Threads“) meine Ansichten. Weiterhin bat ich jeden Käufer meines Werkes um ein Feedback. Neben durchaus freundlichen und konstruktiven Reaktionen musste ich aber hinsichtlich der Kollegensorten, die mich schon vor Jahren aus dem Zaubermilieu vertrieben hatten, feststellen:

Ist alles noch da!

Nach meinen Erfahrungen lassen sich die Zeitgenossen, welche mir das soziale Miteinander so schwer machen, durchaus – zumindest in satirischer Weise – typisieren, als da wären:

Der Ich-Erzähler
Ich hatte schon Zauberkünstler am Telefon, die mir nach der einleitenden Frage hinsichtlich meines Befindens eine geschlagene Stunde ausschließlich die Ohren mit ihren „tollen, neuen Ideen“ volldröhnten. Selber kam ich zu kaum einem Satz (außer Antworten wie „aha“, „toll“ oder „nein, kenne ich nicht“). Sicherlich spielt hier der angestaute Vokabelsee eine Rolle, da man Laien ja schlecht in die Zaubergeheimnisse einbeziehen kann. Also schnappt man sich den erstbesten Kollegen, um ihn mit einer verbalen Diarrhö zu erfreuen. Dass man selber dabei natürlich stets der Held ist, dem solch geniale Ideen einfallen, bleibt unvermeidlich. Schön ist dann gelegentlich der Abschluss eines solchen Gesprächs: „Und du? Zauberst du auch noch?“ Äh ja, doch, schon…
Auch von Buchlesern bekam ich Briefe mit der Einleitung: „Sie hatten ja um ein Feedback zu ihrem Werk gebeten. Hat mir ganz gut gefallen. Also, ich mache das ja so…“ (Muss ich noch erwähnen, dass es auf den restlichen zwei Seiten lediglich um die Beschreibung von Routinen und Auftritten des Verfassers ging?)

Der „ewig Morgige“
Der Begriff stammt vom Kabarettisten Werner Schneyder, welcher einmal sagte, die frühere DDR habe damit ein Pendant zum „ewig Gestrigen“ geschaffen. Auch bei diesem Typus dominiert eindeutig die Schilderung der eigenen Ideen, allerdings ist diese nicht auf die Vergangenheit gerichtet. Fragen Sie ihn daher nie nach Kunststücken, welche er schon einmal (und gar erst vor Publikum) gezeigt hat! Für die Zukunft jedoch wird der alsbaldige Durchbruch in den magischen Olymp angekündigt – wenn man erst einmal die momentane, selbstredend völlig revolutionäre Idee umgesetzt habe.
Tipp: Machen Sie sich den Spaß, nach einiger Zeit einmal nachzufragen, was aus dem bahnbrechenden Projekt, dem ultimativen Requisit geworden sei! Ich habe hierzu schon tränentreibende Antworten erhalten wie „Du, ich hab‘s mal in einer Vorstellung getestet, leider hat der Heißkleber nicht gehalten. Aber das ist noch gar nichts! Zur Zeit arbeite ich an folgender Idee…“

Anekdote: Zu meiner Tanzschulzeit musizierte bei den Abschlussbällen stets eine Combo älterer Herren in dunkelblauen Glitzerjacketts. Als wir die Band einmal fragten, ob sie auch einen Pasodoble spielen könnten, erwiderte der greise Chef: „Nein, leider, wir sind noch im Aufbau.“

Der Exklusive
Er gibt sich stets den Anschein, in magischen Welten zu wandeln, welchem dem „Otto Normaltrickser“ verborgen bleiben. Auf nähere Nachfrage kommt gerne die Antwort, dass er sich von kretinösen Zauberstabschwingern umgeben sähe, welche das Image unserer schönen Kunst auf den Nullpunkt brächten. Daher bleibe nur der Rückzug in illustre, aber von der Öffentlichkeit abgeschottete Privatzirkel, wo man der „wahren Zauberei“ fröne.
Kennzeichnend ist auch die ständige Fragerei, ob man diese oder jene Berühmtheit oder Show kenne. Es scheint so, als ob man fremden Ruhm brauche, um ihn auf die eigene Persönlichkeit zu lenken.
Test: Fragen Sie solche Individuen, wann und wo man denn solch hehre Kunst einmal bestaunen dürfe. Sie erleben dann ein majestätisches Abtauchen, gegen das „Moby Dick“ sich auf Qietscheentchen-Niveau reduziert!
Selbstredend sehen sich diese Kollegen stets als „Berufszauberer“, welche vor erlauchtem Kreis und zu Höchstgagen aufträten. Lustiges Forum-Fundstück: „Lieber zaubere ich einmal für tausend Euro statt zehnmal für hundert.“ Man möchte hinzufügen: „Oder gar nie für eine Million…“
Letztlich verbergen sich hinter der imposanten Fassade oft genug frustrierte und gebrochene Kollegen, welche die Kluft zwischen der eigenen Anspruchshaltung und der traurigen Realität, sich mit meist bescheidenen Gigs abgeben zu müssen, längst nicht mehr überwinden können. Also flüchtet man sich in abstruse Machtfantasien sowie Verschwörungstheorien, was bei mir manchmal schon ein ziemliches Schaudern hervorruft.

Der Reviermarkierer
Das Gute an ihm besteht darin, dass er mit sich selber völlig im Reinen ist. Gerne treibt er sich flächendeckend in einschlägigen Foren des Internets herum und beobachtet akribisch die Veränderungen der Szene. Wenn dort neu auftauchende Mitglieder die erste bescheidene Meinungsäußerung wagen, taucht er sofort auf wie der Schachtelteufel und bekennt umgehend, dass er da aber ganz anderer Ansicht sei – und diese zähle, weil er mit allumfassender Kompetenz ausgestattet sei und daher sowieso alles besser wisse.
Sachliche Fragen allerdings beschäftigen ihn nie lange, da sie ihm ja nur den Vorwand bieten, sich einen Hahnenkampf mit dem neuen Rivalen zu liefern. Beliebte Stilmittel sind zarte Andeutungen, es gebe da ja immer noch Kollegen, welche zu der einen oder anderen verschrobenen Ansicht neigten, etwas immer noch nicht kapiert hätten und selbstredend in der eigenen Arbeit wohl nur Murks ablieferten.
Psychologisch kennzeichnend ist die ständige Projektion eigener Charaktereigenschaften auf andere: Da sich der Revierpinkler selbst sehr wichtig nimmt, wirft er dies gerne den widerborstigen Kollegen vor. Ob er nun – laut eigenem Mantra – selber wirklich nie Probleme hat, ist daher eher zweifelhaft.
Häufig findet man solche Individuen in Kreisen mit abgegrenzten, genau bestimmten Machtstrukturen wie Zaubervereinen. Hat man dort erst einmal eine führende Position errungen, erübrigen sich lästige Fragen nach dem Erfolg der eigenen Kunst. Man hat nun die höhere Ebene der Bescheidwisserschaft erklommen und titelmäßigen Status erreicht – und für jeden Eunuchen ist es ja tröstlich, wenigstens zu wissen, wie’s geht.

Auch bei meiner anderen Passion, dem Tanzen, gibt es übrigens ganz vergleichbare Entwicklungen. In Tanzsportclubs beispielsweise tritt ab einer gewissen Zeit der Mitgliedschaft regelmäßig eine Trennung ein: Wer gut tanzen kann, fährt auf Turniere, wer nicht, geht in den Vorstand.

P.S. Man darf nie aus den Augen verlieren, dass die geschilderten Charaktere eine Minderheit innerhalb der großen Zahl netter, hilfsbereiter Kollegen darstellen. Warum es manchmal anders erscheint, liegt an der Perspektive: Manche Typen gehen einem halt nicht von der Pelle…

Weitere Infos: www.forum-der-magie.com   

Dienstag, 24. März 2015

„Ein Zauberer“



„Call me a motherfucker, but spell my name correctly!“

Es begab sich, dass ich vor Kurzem beim Fest einer Kirchengemeinde zaubern sollte. Fast vier Wochen vor dem Auftrittstermin schrieb ich der ob meiner Künste bereits vorab begeisterten Organisatorin: „Falls Sie für Werbung, Ankündigung etc. Bilddateien von mir benötigen, würde sich meine Illustratorin bei Ihnen melden.“ Eine Antwort blieb aus.

Als ich einige Zeit später auf die Website der Pfarrei sah, hieß es dort lediglich, „ein Zauberer“ werde den Event verschönern. Bei der Ortsbesichtigung einen Tag vor meiner Darbietung machte ich die Veranstalterin darauf aufmerksam, dass auch wir Magier nicht vom Verschweigen lebten und ich es daher nett gefunden hätte, namentlich erwähnt zu werden – so, wie sie ja wohl auch nicht schreiben würde, der Festgottesdienst würde von „einem Pfarrer“ zelebriert. Und warum sie nicht das angebotene Bildmaterial zur Werbung eingesetzt hätte? (Im Übrigen konnte ich mir nun sicher sein, dass auch in der Presseankündigung bestenfalls von „einem Zauberer“ die Rede war!)

Die „Chefin von‘s Ganze“ gab sich betroffen: Das habe man wohl übersehen, und zudem hätten die vor mir bei Kirchenfesten engagierten Zauberkollegen auf sowas keinen Wert gelegt (!). Man werde sich aber bemühen, dass nachher auf der Pfarreiwebsite sowie in der Zeitung meine Person gebührend gewürdigt werde.

Bis zum Auftrittstag reichte der gute Wille wohl leider nicht – auch auf den Plakaten und Wegweisern vor Ort war nur vom „Zaubern“ die Rede. Eine Reporterin aber erschien tatsächlich, wurde von meiner Frau sogleich mit entsprechendem Informationsmaterial versorgt, schien sehr interessiert und fotografierte alles, was sich bewegte.

Am übernächsten Tag erschien wahrhaftig im Lokalblatt ein ausführlicher Bericht über die Feier – u.a. sogar mit einem Foto meines Auftritts, an dessen linkem Rand ich auch persönlich identifizierbar war. Die Bildunterschrift lautete: „Ein Zauberer unterhielt die Gäste der Feier mit seinen Tricks.“ Auch im Artikel selbst war nur davon die Rede, dass die Gäste „eine Zaubershow erlebten“ – während natürlich alle anderen Beteiligten (auch die singende Tochter der Veranstalterin) namentlich genannt waren. Ja, mehr als das: Beim Landrat hielt man sogar dessen Zusage für lesenswert, er werde bei der nächsten Feier „ein Wildschwein spendieren“. Na prima, das hat – bis auf die arme Sau – sicherlich alle gefreut!

Nun gilt für mich beim Kontakt mit Journalisten nach jeder Menge leidvoller Erfahrungen die Devise „höchste Frustrationstoleranz bei niedrigster Erwartungshaltung“. Viele Vertreter dieser Branche verbinden gekonnt einen hohen Grad an Desorganisation mit einem chaotischen Zeitmanagement: Interviewtermine gelten als völlig unverbindlich, zugesandtes Material landet im Spamfilter – und bei kritischen Reaktionen ist man viel zu beleidigt, um davon Notiz zu nehmen.

So kann es mich bei öffentlichen Auftritten kaum noch verwundern, wenn zehn Minuten nach Beginn ein nebenberuflicher Spaltenfüller mit Fotoapparat in Vorhalte durch die Saaltür bricht, wild um sich knipst, insgesamt zehn Minuten bleibt und dann einen Artikel liefert, welcher mit meiner Zaubershow nur sehr indirekt zu tun hat. Eckhard Böttchers „Tuch-Färbung-Ei“ liest sich dann so: „Herr Riedl färbte ein weißes Taschentuch rot“ – und mit „er durchbohrte mit einem Stäbchen folgenlos eine Glasscheibe“ ist natürlich das „Herz aus Glas“ von Punx gemeint. Gerne erinnere ich mich auch noch an einen Hörfunkbericht auf „Bayern 4“, bei dem mich eine Journalistin zu einem Auftritt begleitete und dort kaum von meinen Requisiten wegzubringen war. Anschließend durfte ich die Dame, da unmotorisiert, noch nach Hause fahren. Heraus kam dann ein Drei-Minuten-Report im Stil von „Auf der knarzenden Bühne des Pfarrheims stand Gerhard Riedl vor zwei Dutzend Seniorinnen“.

Immerhin war da noch mein Name richtig genannt, so viel Glück hat man (trotz Überreichung von Flyern, Visitenkarten etc.) nicht immer. In meiner Zauberkarriere wurde aus
"Gerhard Riedl, Pörnbach, Lehrer am Hallertau-Gymnasium Wolnzach“
die folgende Auswahl:
„Gerhard Riedel“
„Gerald Riedl“
„Gerd Riedl“ (war mal der Vorname meines Schäferhunds)
„Kurt Riedl“
„Herbert Riedel“
„Gerhard Riel aus Förnbach“ (gibt’s auch, ist ein noch kleineres Dorf)
„Gerhard Riedl, Schrobenhausener Gymnasiallehrer“
„Gerhard Reindl, Lehrer an der Mainburger Hauptschule“
„Big-Magic-Riedl“

Da freut man sich sogar noch, wenn man lediglich als „ein Zauberer“ tituliert wird…

Ist das alles eigentlich böser Wille oder nur abgrundtiefe Dämlichkeit?

Da es mir zu schwer war, über dieses Thema keine Satire zu schreiben, habe ich es auch gar nicht erst versucht. Vielleicht sollte man ja den bekannten Zweizeiler zur Berufswahl noch um hundert Prozent steigern:

Wer nichts ist und wer nichts kann,
geht zur Post oder zur Bahn.
Und wem selbst das zu schwierig ist,
dem bleibt nur noch Journalist.

P.S. Auf der Website der Kirche fand ich heute zur Veranstaltung nur den Hinweis, doch bitte selbstgebackenen Kuchen mitzubringen. Na, ob der zum Wildschwein passt?

Sonntag, 22. März 2015

Ihre Requisiten



Für die Zuschauer sind die Utensilien, welche ein Zauberkünstler verwendet, ganz besondere, wertvolle Gegenstände, da sie am Zustandekommen von „Wundern“ beteiligt sind. Schon deshalb geht es natürlich gar nicht, wenn Sie mit abgegriffenen Kartenspielen, fleckigen bzw. verknüllten Seidentüchern oder hellbeigen (statt blütenweißen) Seilen hantieren. Bei der Vorführung sollten Sie Ihr Material so handhaben, wie es etwas Kostbarem zukommt, beispielsweise Tücher mit zwei Fingern an einer Ecke erfassen, damit sie sich schön entfalten. Ebenfalls dürfen Requisiten nach Gebrauch nicht wie „Abfall“ in irgendeinen Korb gestopft oder gar auf den Boden geworfen werden. (Hierbei bewährt sich natürlich eine Assistentin, welche nicht mehr Benötigtes elegant „abserviert“ – und die Hilfsmittel sehen länger gut aus, wenn sie schonend behandelt werden!) Und achten Sie darauf, dass stets nur die Gegenstände sichtbar sind, mit denen Sie gerade zaubern! Gerade gegen Ende zu bildet sich bei manchen Auftritten eine „Müllhalde“ von Gegenständen, die ihren Dienst schon lange getan haben.

Ein passendes Design von Gerätschaften bewirkt ebenfalls den Eindruck von Klasse, und zumindest die Utensilien, die Sie für ein Kunststück  benötigen, sollten so aufeinander abgestimmt sein, dass sich Farben, Muster und Machart nicht „beißen“.

„Ich selbst lehne die Verwendung unserer typischen Zauberrequisiten vollkommen ab, da diese Kästen und Boxen den Zuschauern nur das Eine vermitteln: Dieses Requisit muss etwas mit dem gerade gesehenen Wunder zu tun haben, denn nur dafür ist es da.“
(Alexander de Cova: „Ein Profi packt aus“)

Sicherlich hat dieser Kollege, ein bekannter und innovativer Künstler, insofern Recht, als ein Programm, das offensichtlich weitgehend auf „Zauberapparate“ setzt, nicht wirklich überzeugt. Schließlich soll der Vorführende die Wunder vollbringen und nicht seine diversen Kisten, von denen er bei jeder Nummer wieder neue auf die Bühne stellt. Zudem ist das meist auf Glimmerfolie basierende Design oft nicht sehr geschmackvoll und verbreitet das Flair einer Rummelplatz-Schaubude.

Dennoch mag ich das obige Zitat nicht vorbehaltlos unterschreiben. Auch wenn ein Magier mit „alltäglichen“ Dingen wie Notizblöcken, Brieftaschen oder Weinflaschen hantiert, wird der Zuschauer trotzdem vermuten, dass diese geheime Präparationen enthalten könnten – und oft genug ist das so. Außerdem kommt es auf die Art der Präsentation an: Bei einer Darbietung klassischer „Salonmagie“ wird sicherlich mehr „Deko“ akzeptiert als bei einem Mentalkünstler, der auf Gedankenlesen setzt. Welches Programm das Publikum „schöner“ findet, ist dann noch die Frage, denn die meisten Informationen laufen beim Menschen über den optischen Sinn. Eine Reihe von bunten Seidentüchern bietet halt mehr Blickfang als mit Stift und Schreibpapier oder das „unvermeidliche“ Kartenspiel, mit dem ein Zauberer minutenlang hantiert.

Gerade bei einem altersmäßig völlig gemischten Publikum bzw. schwierigen Vorführbedingungen sollten die Effekte auch ohne ellenlangen Text verständlich sein, weil sie sich schon über den Anblick erklären. Ich bin in solchen Fällen stets sehr froh, über klassische „Hingucker“ wie Seidentücher oder Blumen zu verfügen!

Wie bei vielen Einzelfragen in unserem Metier landet man im Endeffekt wieder bei der Gesamt-Inszenierung: Wenn es gelingt, die Verwendung eines bestimmtes Requisits als notwendig, ja geradezu unvermeidlich hinzustellen, wird das Publikum dies akzeptieren und voll mitgehen. Setzt man dagegen nur auf den nackten Effekt, wird das Gesehene als unerklärlich, vielleicht aber auch als überflüssig betrachtet.

Ebenfalls sollten Sie Ihr sonstiges Material wie Zaubertische und Ablagebehälter kritisch unter die Lupe nehmen. Bei käuflichen Produkten tobt sich hier oft der volle Gestaltungsdrang der Hersteller aus: Da ist kaum eine Fläche ohne Glimmer, poppige Farben und Comicfiguren – diverse Häschen plus Zylinderhüte inbegriffen. Den Zuschauern sollen aber Ihre Requisiten ins Auge fallen und nicht der sonstige Aufbau! Daher ist hierbei eine edle und stabile, aber unauffällige Machart besser. Eine schwarze Färbung kann auch geheime Hilfsmittel („Gimmicks“) verbergen helfen, welche meist den gleichen Farbton aufweisen.

Bedenken Sie, dass sich Investitionen vor allem bei Utensilien lohnen, welche die Zuschauer während des gesamten Programms vor Augen haben!

Abschließend ein Satz von Marvelli, über den man lange nachdenken kann:
„Wo der Geist endet, beginnen die Requisiten“