Freitag, 24. April 2015

„Es ist ja nur für die Kleinen“: zehn Tipps für Kinderzauberer



Nehmen Sie die obige Aussage, welche Sie bei fast jedem Telefonat mit entsprechenden Interessenten hören werden, als Richtschnur Ihrer Arbeit: Vor einem Kinderpublikum ist Minimalismus angesagt! Sie können an solche Auftritte nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit herangehen wie bei Erwachsenen: Das wird weder erwartet noch gar bezahlt. Machen Sie es sich daher nicht schwieriger als nötig:

1.    Zur Trickauswahl bietet der Zauberhandel einen großen Fundus von Apparaten, welche wahlweise als Hase, Zwerg, Rapunzel oder Märchenschloss dekoriert sind. Merke: Comic bringt Comedy! Achten Sie aber darauf, dass sich Ihnen die Funktion der Zaubermaschinen bereits nach einmaligem Durchlesen der Gebrauchsanweisung erschließt und sich daher Ihr Übungsaufwand minimiert. Wie sagte Altmeister Alexander de Cova so schön? „Es würden viel mehr Menschen jonglieren, wenn es Jongliergimmicks gäbe.“
2.    Auch für Ihre sonstige Bühnenausstattung gilt: Hauptsache bunt! Gerne versorgt Sie Ihr magischer Dealer mit einer großen Auswahl folienbepappter Tische, Ablagen und Hintergrunddeko. Mag sein, dass die eigentlichen Requisiten dadurch optisch kaum noch auffallen – aber für die Kids ist die Zauberei selber gar nicht so wichtig, kapieren die eh noch nicht wirklich!
3.    Ebenso kann Ihre persönliche Aufmachung gar nicht schillernd genug sein – der einschlägige Faschingshandel versorgt Sie hierzu mit dem erforderlichen Quantum an lustigen Hütchen, Nasen, schreiend bunten Westen sowie clownesken Beinkleidern. Bei Kindern ist das Geschmacks-, Stil- und Farbempfinden noch kaum entwickelt – tragen Sie einfach alles, was Ihnen Ihre Eltern in der Frühpubertät verboten haben! Gar nichts falsch machen können Sie selbstredend mit dem Zauberer-Archetyp aus Märchenbüchern (Sternchenumhang plus Spitzhut).  
4.    Kinderfreundlichkeit ist Trumpf! Diese beweisen Sie vor allem dadurch, dass Sie bei jedem Effekt mindestens zwei kleine Zuschauer auf die Bühne holen und mittels Hut, Cape oder Bommelnase lustig einkleiden. Was die dann genau machen bzw. ob es deren Aufnahmevermögen oder Feinmotorik überfordert bzw. Ihre Routine gar durch längere Dispute zerfleddert, ist egal. „Mein Kevin durfte auch zaubern!“ – das zählt für die Mütter, welche eh durch den gleichzeitigen Verzehr von Kaffee und Kuchen an der intellektuellen Verfolgung Ihrer magischen Strategien gehindert sind!
5.    Texte werden in unserer Branche chronisch überschätzt, zumal bei Kinderauftritten! Die Kids können längeren Geschichten sowieso noch nicht folgen, also belassen Sie es bei den stereotypen Fragen nach dem Vornamen des jeweils assistierenden Kleinen sowie Sprüchen, welche bereits bei einem IQ von 50 deutlich zur Unterforderung tendieren („Bist du schon verheiratet?“). Merke: Gerade Schulkinder lieben es bekanntlich, der onkelhaften „Wutzi, Dutzi, Butzi-Sprache“ ausgesetzt zu sein! Sie nehmen es einem Erwachsenen auch ohne Weiteres ab, wenn er zum zehnten Mal links und rechts verwechselt oder seinen Zauberstab fallen lässt. Ansonsten erzählen Sie einfach, was man eh sieht, dann prägt sich das besser ein!
6.    Suchen Sie stets den Dialog mit Ihrem jungen Publikum! So ergeben sich rasch interessante Diskussionen darüber, wer Ihnen als nächstes helfen darf, ob man das momentan gezeigte Requisit ebenfalls untersuchen könne oder die gerade dazwischengerufene Trickerklärung zutreffend sei. Lassen Sie es ruhig zu, wenn das Geschrei bald den Dezibelwert eines startenden Düsenjets erreicht: Für die auf Abstand gehenden Erziehungsberechtigten entsteht der Eindruck, dass Sie Stimmung in die Bude bringen, also kein Langweiler sind – und ihr Text ist ja mangels Vorbereitung eh nicht so toll…   
7.    Über die äußeren Vorführbedingungen sollten sich weder Gastgeber noch Sie große Gedanken machen: Für die Kleinen reicht eine nackerte Turnhalle mit Neonlicht, ersatzweise die Wiese vorm Haus! Bequeme Sitzgelegenheiten sind unnötiger Aufwand; dank noch geringerer Schmerzempfindlichkeit hocken die Kinder gerne eine Dreiviertelstunde am Boden und bleiben sicherlich auch auf ihrem Platz, falls von der Seite geschoben wird oder der Vordermann aufsteht. Und wenn: Kinder brauchen eben Bewegung! Auch eine Abgrenzung Ihres Vorführbereichs würde lediglich eine unnatürliche Distanz erzeugen. Sollten die Kids gegen Ende des Programms unter Ihrem Zaubertisch sitzen oder einige Requisiten fehlen: Sie haben eben bewiesen, dass Sie echtes Interesse wecken können!
8.    Machen Sie sich keinen Kopf wegen der beteiligten Altersstufen! Auch Zweijährige können Ihrem Programm, das ja kindgerecht gestaltet ist, mühelos folgen. Und sollte es einmal zu Heulanfällen und anderen akustischen Immissionen kommen: Sie haben ja sicherlich einige Musiknummern in Petto, um die Unruhe unter einen voluminösen Klangteppich zu kehren! Andererseits freuen sich gerade pubertierende Jugendliche, via Kleinkinderprogramm noch einmal in ihre frühere Erlebniswelt hineinversetzt zu werden…
9.    Verzichten Sie auf jeden Fall großzügig auf eine Beaufsichtigung des Publikums! Ob Eltern oder Kindergärtnerinnen: Der Hauptgrund, Sie zu engagieren, liegt darin, sich einmal eine Stunde Ruhe von den Blagen zu gönnen – es stößt daher auf wenig Gegenliebe, Erziehungspersonal auch noch während Ihres Auftritts mit Arbeit zu belasten. Zudem sind solche Situationen für Sie die Gelegenheit, zu beweisen, dass Sie hundert überdrehte Kids in den Griff kriegen und somit ein ausgewiesener Pädagoge sind!
10. Erwarten Sie für Kinderzauberei keinesfalls die gleichen Gagen wie bei Vorstellungen für Erwachsene! Es ist ja – richtig, nur für die Kleinen – Sie haben auch weniger Aufwand beim Vorbereiten und Üben: Die Kinder durchschauen bekanntlich selbst einfachste Tricks nicht! Und alternativ gäbe es im Kindergarten noch einen Praktikanten, der „auch ein bisschen zaubert“ und gerne kostenlos auftreten würde, um etwas „Erfahrung zu sammeln“.

Apropos: Mir stellte ein Zauberanfänger einmal die Frage: „Ich soll demnächst in einem Hort für hundert Kinder zaubern. Was soll ich verlangen?“ Meine Antwort war: „Freien Abzug!“

P.S. Etwas sinnvollere Ratschläge finden Sie in meinem Zauberbuch auf den Seiten 154 - 208.    

Samstag, 11. April 2015

Fred Kaps - es geschah in seinen Händen



Abraham („Bram“) Pieter Adrianus Bongers wurde 1926 in Utrecht geboren. Er trat zunächst als „Mystica“ auf; wegen der Ähnlichkeit dieses Namens mit dem anderer Zauberer fand sich schließlich in einem Telefonbuch eine Werbung für Regenmäntel mit dem Firmennamen Daks – und daraus entstand schließlich Fred Kaps.

Zur Zauberei fand er durch seinen Friseur, einem Amateurmagier, der seinen Kunden oft kleine Tricks vorführte. So wurde Bram Bongers nicht nur regelmäßig mit einem Haarschnitt, sondern mit immer neuen Täuschungsideen versorgt. Zudem hatte der Barbier eine hübsche Tochter – und der junge Mann gab zu, nicht nur wegen der Zauberei den Friseurladen zu besuchen. Das junge Mädchen wurde später seine Frau.

Bereits 1946 erregte Kaps mit einem Wettbewerbsbeitrag bei einem internationalen Kongress in Amsterdam großes Aufsehen. Der niederländische Zauberhändler Hank Vermeijden wurde sein Berater und Agent. Mit einer Nummer, die auf den (damals neuen) erscheinenden Spazierstöcken beruhte, gewann er schon 1950 zum ersten Mal den Grand Prix der FISM (Fédération Internationale des Sociétés Magiques) in Barcelona. Bei seinem zweiten Titelgewinn in Amsterdam 1955 zeigte er ein völlig neues Programm, das als Schluss bereits die auf Roy Benson zurückgehende, berühmte Version der „unendlichen Salzvermehrung“ („Long Pour Salt“) enthielt. 1961 gelang ihm im belgischen Liége das, was vor und nach ihm kein Zauberkünstler schaffte: der dritte Gewinn des Grand Prix der FISM in Folge. Diese Wettbewerbsnummer war wieder mit neuen Effekten bestückt – der Schluss aber war die legendäre Salzvermehrung.

Kaps war ein viel gefragter und gebuchter Zauberkünstler, der aber immer bei der „kleineren“ Form der Close up- und Salonmagie blieb. So hat er das Angebot von Kalanag abgelehnt, dessen Illusionsrevue zu übernehmen. Im Fernsehen schaffte er es bis in die berühmte Ed Sullivan Show, wo er sogar neben den Beatles bestehen konnte. Neben der Salzvermehrung zeigte er die „Homing Card“ und bewies so, dass man ein Millionenpublikum auch mit fünf Spielkarten unterhalten kann:


Leider starb Fred Kaps viel zu früh: Im Alter von 54 Jahren erlag er einem Krebsleiden.

Was mich an ihm bis heute fasziniert, ist einmal seine unglaubliche Eleganz und Leichtigkeit, verbunden mit der hundertprozentigen Beherrschung der manipulativen Elemente. Dies verband er mit einer Ausstrahlung und schauspielerischen Leistungen der Extraklasse. Besonders an der Salzvermehrung und der „Homing Card“ erkennt man sein geniales Konzept, so zu tun, als sei er selber überrascht von dem, was sich da in seinen Händen abspielt – ja, eigentlich sogar den magischen Effekt abstoppen zu wollen, der einen zu überrollen droht.

Speziell in der Kinderzauberei hat mir dieses Muster stets geholfen. Vor allem kleine Zuschauer mögen es gar nicht, wenn ein Erwachsener den „Größten und Besten“ gibt und so die Distanz noch vergrößert. Ist man jedoch selber überrascht, dass „es“ passiert, stellt man sich im Staunen an die Seite des Publikums.

Gott sei Dank hat sich Fred Kaps nie Gedanken über ein „altmodisches Erscheinungsbild“ oder „reine Zauberrequisiten kontra Alltagsgegenstände“ gemacht – er ahnte wohl instinktiv, dass bei seinen Auftritten Person und Rolle kongruent waren, und das ist die Seele des Entertainments!  

P.S. Jetzt habe ich ganz vergessen, gewisse Kollegen vom „Forum der Magie“ vorab zu warnen, diesen Beitrag zu lesen. Ja, ist euch alles bekannt und dient nur dazu, mich wichtig zu machen. Ist gut, passiert nie wieder…