Dienstag, 21. November 2017

„In einen Traum einsteigen“



Unter diesem Titel hat Anna Ermert heute im „Pfaffenhofener Kurier“ einen Artikel anlässlich meiner bislang tausend Zaubervorstellungen veröffentlicht. Hier der Originaltext:


Karin und ich haben uns sehr darüber gefreut – zumal Zauberei ja derzeit nicht im Trend liegt. Und eine tolle Werbung ist der Beitrag sowieso, speziell für unseren Auftritt am kommenden Sonntag in Reichertshausen.

Auch das (spontan beim Interview entstandene) Foto finden wir sehr schön, zumal es unsere Zusammenarbeit in mehr als 30 Jahren magischen Entertainments illustriert: Ähnlich wie der Magier muss ja die „Assistentin“ schauspielern und so über ihr Staunen die Brücke zum Zuschauer schlagen (von ihren sonstigen Jobs ganz zu schweigen).

Foto: Anna Ermert

Nach einem halbstündigen Gespräch wird natürlich nicht alles wiedergegeben, worauf es mir ankam – und manches klingt auch missverständlich.

So zielt die „archaische Sehnsucht des Menschen, Dinge zu tun, die er nicht kann“, sicher nicht auf das Verschwinden von Tüchern (übrigens ein typischer Anti-Climax) oder gar auf das Zerschneiden und Restaurieren von Seilen. Hier fehlt mir – wie übrigens bei vielen Effekten – das Motiv: Wieso ein schönes Seil zertrennen – nur, damit man es anschließend wieder ganz machen kann? Etwas Schönes herbeizaubern, Gedanken lesen, in die Zukunft schauen oder beim anderen Geschlecht Sympathien erwecken sehe ich schon eher als Wunschträume.

Die Geschichte mit dem Baron und seinem Schloss ist übrigens wirklich echt – es war mein erster bezahlter Zauberauftritt, den ich über eine Annonce erhielt. Er fand im Januar 1986 statt – vor mehr als 30 Jahren. Unsere Ausstattung bestand aus einem zusammenklappbaren Teewägelchen, einem schwarzen Pappkoffer und einem Cassettenrecorder. Einen kleinen Tisch liehen wir uns vom Gastgeber aus.

Vom Erfolg war ich damals geradezu verblüfft. Erst mit den Jahren lernte ich, dass es nicht die imposanten Requisiten sind, welche den Wert einer Zaubervorstellung ausmachen, sondern die Persönlichkeit des Künstlers, die Identität von Person und Rolle. (Dennoch haben wir mit der Zeit versucht, eine etwas gediegenere Optik hinzubekommen.)

Tatsächlich habe ich nur an zwei kleinen, regionalen Zauberwettbewerben Ende der 1980-er Jahre teilgenommen. Beim ersten bot ich ein fast ebenso bescheidenes Programm wie auf dem Schloss: Schallplattenfärbung, Tuch-Färbung-Ei und Ringspiel. Ich erlebte Teilnehmer mit manipulativen Fähigkeiten, von denen ich nur träumen konnte. Das Publikum entschied in geheimer Wahl über den Sieger. Noch heute amüsiert mich das grenzenlose Erstaunen, ja teilweise Entsetzen meiner Kollegen, als sich herumsprach, dass ich den Wettbewerb gewonnen hatte. Innerhalb von Minuten mutierte ich vom fast unbeachteten „No Name“ zum umworbenen Gesprächspartner…

Im Jahr darauf fand dieser Wettbewerb ein weiteres Mal statt. Ich hatte inzwischen viel gelernt und zeigte (aus meiner Sicht) eine bessere Leistung. Doch nun hatte der Veranstalter eine Expertenjury eingesetzt, auf dass Peinlichkeiten wie im Vorjahr vermieden würden: Ich erreichte nicht einmal eine Platzierung. Freilich, so muss ich zugeben, hatte ich diesmal – um die Fachleute zu beeindrucken – auf neuere Effekte anstatt Klassiker gesetzt. Auch das war mir eine Lehre…

Tatsächlich glaube ich, dass viele Kollegen zu sehr auf den Effekt schauen, anstatt das Entertainment drumherum wichtiger zu nehmen: Der Weg ist das Ziel. Bis in die 1980-er Jahre gab es weltweit für Magier noch Sendeplätze zur Prime Time des Fernsehens. Die betreffenden Kollegen wie Fred Kaps, Kalanag, Marvelli, Paul Daniels oder David Copperfield waren vor allem eins: großartige Entertainer, Persönlichkeiten, die notfalls ganz allein „eine Bühne füllen“ konnten. Star-Kabarettisten und Comedians sind das heute noch – nur zaubern sie nicht (mehr). Dazu kam in den 1990-er Jahren das Internet als „große Illusions-Maschine“. Jedes Kind kann sich heute auf YouTube berstende Wolkenkratzer ansehen. Rein vom Effekt her vermögen da selbst große magische Bühnenshows nicht mitzuhalten.

Was Actionfilme eher nicht liefern, wären Märchen, Poesie, Humor und Satire. Heutige Zaubershows bieten das leider meist auch nicht. Aber es gibt in der Branche einzelne Lichtblicke wie die Ehrlich Brothers: Sie zeigen nämlich nicht nur imposante Großillusionen, sondern sind absolut witzige, skurrile Typen, die auch gerne den direkten Kontakt zum Zuschauer suchen. Das lässt hoffen.

So ist die Verwandlung eines Tuches in ein (am Schluss echtes) Ei sowohl ein Klassiker als auch ein ziemlich bescheidener Effekt. Was ein Entertainer daraus machen kann, zeigt der von mir hoch verehrte Martin von Barabü. Er erleichtert uns wahrlich das Einsteigen in Träume:

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