Freitag, 10. November 2017

Märchen vom Chinesischen Kompass



Von Alexander de Cova kenne ich den Satz, dass ein Anfänger seinen Zauberhändler frage, ob er etwas Neues habe. Ein erfahrener Magier hingegen wolle wissen, ob er etwas Altes anbieten könne. Daher habe ich zwei Kunststücke bearbeitet, die es schon sehr lange gibt.

Das „Kompass-Prinzip“ dürfte Insidern vertraut sein – insbesondere in der Version „Exit“ von Thomas Vité.

Ich habe den Effekt seit vielen Jahren in meinem Repertoire, meist als ideale Ansage vor der Pause bei Auftritten, welche aus zwei Teilen bestehen. Die übliche Vorführweise sieht man beispielsweise hier:



Die für mich schönste Variante stammt vom legendären Punx: In seinem Buch „Setzt Euch zu meinen Füßen…“ nennt er sie „Das Märchen vom Chinesischen Kompass“.

Eckhard Böttcher hat vor langer Zeit die Requisiten für diesen Effekt verkauft. Obwohl ich sie besitze, komme ich kaum zu einer Vorführung, da es halt ein Tischkunststück ist.

Vor einiger Zeit kam ich auf die Idee, die Tafel von „Exit“ mit der Geschichte von Punx zu verbinden. Kleine Kompromisse sind unvermeidlich, dennoch kam die Routine beim Publikum sehr gut an.

Daher möchte ich meine Version – bei allem Respekt für die Original-Autoren – hier vorstellen:

Es war einmal ein alter Yangtsekiang-Kapitän, der fuhr jahraus, jahrein den Gelben Fluss hinauf und hinunter. Für ihn gab es keine Navigationsschwierigkeiten – er hatte ja die festen Ufer zu seiner Orientierung. So kümmerte er sich nicht darum, wo Norden oder Süden war. Nur war es zu seinem Leidwesen immer schwieriger geworden, zwischen Ost und West zu steuern, ohne aufzulaufen oder Schlagseite zu bekommen.

Eines Tages gab es jedoch eine gewaltige Überschwemmung. Der Fluss trat so weit über die Ufer, dass man meinte, auf hoher See zu fahren. So fürchtete unser Kapitän, die Orientierung zu verlieren. Glücklicherweise ragte in der Ferne noch ein ihm bekannter Turm aus dem Wasser. Aber was würde er tun, wenn die Nacht käme und das Wasser noch höher stiege?

Doch Not lehrt nicht nur Beten, sondern auch Denken! So besann sich der Kapitän, dass er einmal etwas von einem „Kompass“ gehört hatte. In seiner Einfalt machte er sich aus einem Fächer, mit dem er das Opferfeuer für seinen Flussgott Yang anzufachen pflegte, einen Kompass – oder jedenfalls das, was er dafür hielt. Mit einem Stück Kreide zeichnete er einen Pfeil in Richtung des immer noch sichtbaren Turms, und auf der Rückseite, zur Sicherheit, noch einen.

Präsentieren Sie (leicht wedelnd) die Karte von „Exit“ und halten Sie diese an der oberen rechten und unteren linken Ecke (von Ihnen aus gesehen). Der vom Publikum aus zu sehende Pfeil zeigt (aus Ihrer Sicht) nach rechts, also „zum Turm“. Bei der Diagonaldrehung bleibt die Richtung des Pfeiles vorne unverändert.

So segelte er weiter – doch als dann die Nacht kam, merkte er, dass er bereits über Untiefen fuhr, und er begann zu beten. Da gab ihm der Flussgott Yang eine kleine Hilfe, denn auch in China pflegen einem die Götter nur einen Fingerzeig zu geben. Marschieren muss man alleine. Der Tipp war der Polarstern, der kurz zwischen den Wolken aufblitzte.

Da leuchtete es auch in seinem alten Kopf auf: Richtig, die Kompassnadel musste ja nach Norden zeigen! Nichts einfacher als das – er stellte sie richtig ein und fuhr, in blindem Vertrauen auf die Technik, immer der Nadel nach.

Doch inzwischen war er so weit in die falsche Richtung gesegelt, dass er die Flussufer längst überschritten hatte. Hier herrschte nicht mehr der Flussgott Yang, sondern der grimmige Gott des Landes: Matung! Der war dem Kapitän bitterböse, da er ihm noch nie ein Brandopfer gebracht hatte, und spielte ihm einen schlimmen Streich: Er ließ die Kompassnadel – mir nichts, dir nichts, nach Süden umspringen, und auch wieder nach Norden!

Drehen Sie den Karton um 90 Grad nach links, sodass der vordere Pfeil nach oben („Norden“) zeigt. Wenn Sie in der gleichen Handhaltung diagonal drehen, springt der vordere Pfeil nach unten („Süden“). Drehen Sie noch einmal, damit der Pfeil wieder nach oben zeigt.

Der Kapitän bekam keinen schlechten Schreck und warf erst einmal Anker. Nein, er musste zurück zum Fluss. Aber dann nach Osten oder Westen? Er entschied sich für Westen, doch da kam er bei Matung an den Falschen: Ein westlich orientierter Kapitän? Dem wer ich’s zeigen! Und – wuppdich – sprang die Nadel wieder nach Osten um – und hin und her und um die Ecke – es war zum Verzweifeln!

Halten Sie den Karton an den bisherigen Ecken fest und drehen ihn um 90 Grad nach rechts (von Ihnen aus): Nun zeigt der vordere Pfeil (vom Publikum aus) nach links („Westen“). Wenn Sie nun wieder diagonal rotieren lassen, springt der Pfeil ständig von links nach rechts und zurück. Halten Sie Karte dann mit links und rechts in der Mitte am Rand und lassen sie um die Längsachse rotieren, so springt der Pfeil ständig ums Eck.

Da besann sich unser Kapitän auf seinen alten, zuverlässigen Gott Yang. Er entzündete ihm ein Opferfeuer und betete so innig, dass sein Flehen, über den Machtbereich von Matung, bis zum Reich des Flussgottes ausstrahlen konnte. Der wies ihm den rechten Weg zurück zum Fluss: Nach Osten – und dorthin zeigten beide Seiten des Kompasses zuverlässig.

Halten Sie den Karton wie zu Beginn (links unten, rechts oben), nur zeigt der Pfeil nun vom Publikum aus gesehen nach rechts („Osten“). Eine diagonale Rotation ändert daran nichts. Beim folgenden Text klappe ich an der entsprechenden Stelle die Karte auf: Bei mir zeigt sie dann eine Fülle unterschiedlich gerichteter Pfeile.

So gelangte der Kapitän dank der Ostrichtung sicher in seinen Hafen und segelte auch in Zukunft sicher in alle Richtungen. Er trank bei seiner Heimkehr eine große Flasche Reiswein auf das Wohl der Götter. Wohlgemerkt, auf beide! Denn warum sollte ein Sterblicher mehr Charakter haben als die Götter selber?

Weitere Infos:

P.S. Wer meine Version erleben möchte, darf einfach gleich zum folgenden Beitrag wechseln!

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